Manche Leute

Letzte Woche war ich mal wieder auf einem Treffen der internationalen Ehefrauen. Ich habe da schon aufgedrehte, stille, freundliche, sarkastische, humorvolle Frauen kennen gelernt, die aber alle nett und aufgeschlossen waren und mit denen ich viel Spaß hatte.

Aber letzte Woche… Ich konnte gar nicht direkt darüber schreiben… erst mal ein bisschen Distanz gewinnen…

Ich kam eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. Mit mir kam eine Amerikanerin, die ich kannte und wir verkrümelten uns an einen Tisch. Hinter uns saß eine deutschsprachige Ehefrau, die ich schon am ersten Treffen kennen gelernt hatte und mir ihre Sitznachbarin vorstellte. Eine Deutsche, neu in der Stadt (naja, sogar schon einen Monat länger hier als ich, also neu ist relativ), und die deutschsprachige Bekannte meinte, sie müsse jetzt gehen, ob sich – nennen wir sie Marlene – Marlene mit zu mir an den Tisch setzen könnte. Ja, klar. Ich stellte die Amerikanerin vor. Erstes no go von Marlene – sie quatschte die ganze Zeit Deutsch mit mir, absolut unhöflich gegenüber der Amerikanerin. Erst, als ich konsequent Englisch sprach, wechselte sie auf Englisch. Hab ich mich fremdgeschämt!

Und dann gab es nur Mecker. Wie schrecklich hier alles ist. Sie hätte vorher in … und in … und überhaupt in … wäre es ja am allerbesten gewesen. Man lerne hier ja keine Leute kennen (äh… genau dafür gibt es diese Veranstaltungen, da muss man hin gehen und mit den Leuten sprechen und auf diesen Veranstaltungen ist Englisch nun mal die Verkehrssprache. Es ist nicht so, dass alle nur auf die eine warten.). Die Wohnungen wären hier ja ganz furchtbar. In… und vor allem in … hätten sie ja so unglaublich viel besser gewohnt (Okay, da muss man sich was passendes suchen, dass man bezahlen kann, oder dass die Firma bezahlen möchte…). Die Maklerin wäre absolut unfreundlich gewesen und hätte sie zum Mietvertrag gedrängt, sie wären total übers Ohr gehauen worden, nur damit die Maklerin zu ihrem Abschluss kommt (Da wurde ich fuchsig. Wir hatten genau diese Maklerin und sie hatte eine Engelsgeduld mit uns und immer alle Pros und Cons direkt auf den Tisch gelegt. Aber wenn Marlene da nur im Ansatz so war wie gestern, wundert es mich ehrlich gesagt nicht, dass die Maklerin irgendwann keine Lust mehr hatte. Und wir sind nicht die einzigen, die von eben dieser Maklerin ganz zufrieden eine Wohnung vermittelt bekommen haben und sie weiterempfehlen).

Außerdem wäre diese Stadt hier ganz schrecklich, in … wäre ja alles besser gewesen (Diese Stadt hier ist ziemlich cool, man kann sie entdecken, es gibt altes Gemäuer, eine Partyszene, tolle Restaurants, Kultur ohne Ende. Man muss sich halt darauf einlassen, es wird einem nicht hinterher getragen!) Irgendwann starrte ich sie nur noch an, während sie sprach und dachte:“Hör auf zu reden. Höre jetzt bitte auf zu reden. Und verschwinde bitte sofort wieder nach … oder nach…, am liebsten wieder nach… weil es auf der anderen Seite des Erdballs liegt.“

Okay, sie beschwerte sich über den Smog im Winter. Ja, das tun wir alle. Ist nicht schön. Aber im gleichen Atemzug erzählt sie, dass sie ja unbedingt in der Altstadt wohnen wollte, weil es das erste Mal sei, dass sie ohne Kinder weitergezogen sind. Und weil sie das genießen wollte. Und deshalb wären sie ins Zentrum gezogen. Und jetzt sei da im Winter so ein Smog! (Der Smog war in dem ersten Artikel erwähnt, den ich im Internet über diese Stadt fand. Und er spielte auch eine Rolle, warum wir am erhöhten Stadtrand leben und nicht im Zentrum. Natürlich macht es die Smogsituation nicht besser und es ist etwas anderes, wenn die eigene Nase brennt als wenn  an es im Internet liest. Es fehlte mir eine Art Einsicht… so etwas wie hätte sie sich informiert, hätte sie vielleicht anders entschieden.)

Ach ja, und die polnischen Nachbarn im Haus kümmern sich nicht. Grüßen nicht. (Ja, so sind polnische Nachbarn. Das haben wir hier alle merken müssen. So sind sie auch unter Polen. Du bist auch für Polen nicht interessant, weil du im Ausland lebst. Ich habe im Kopf, das 30 Mio Polen in Polen leben und 10 Mio im Ausland. Hier ist das nicht: „Uh, du bist aus dem Ausland? Wie spannend!“ Hier ist das mehr: „Gähn. Ja, meine Kusine, meine Tante, mein Sohn lebt auch im Ausland.“ Aber man muss das einfach als die hiesige Art nehmen. Ändern tut man es nicht. Wenn man selbst die Nachbarn begrüßt und anspricht, wirkt man nur noch merkwürdiger, wenn nicht sogar potentiell gefährlich. Is‘ halt so.)

Marlene lebte in kulturell sehr unterschiedlichen Ländern und hat nicht gelernt, mit kulturellen Unterschieden umzugehen? Wie traurig ist das denn? Ich glaube, auch in den Ländern, in denen sie sich eigentlich wohl fühlte, war sie fast nur unter Deutschen. Schließlich gingen ihre Kinder nur auf deutsche Schulen, da hat man immer so nette Deutsche kennengelernt. Und sie lebte wohl fast immer in einem Compound. Also nur Expat-Bubble, wenn nicht sogar Deutschen-Blase. Und jetzt, ohne Schulkinder lernt man niemand kennen. Ob ich noch andere Deutschen kennen würde, die sich träfen… (Ja, schon, aber die Treffen sind nett und ich möchte dich da nicht haben!) Ja, schon, am besten käme sie hier zu den internationalen Treffen, da könnte sie einige kennenlernen… (wenn jemand anderes sie einlädt, bin ich wenigstens  nicht diejenige, die Marlene angeschleppt hat!)

Und ich kam nicht von ihr weg. Die Amerikanerin hatte irgendwann ganz dringend etwas mit einer anderen Amerikanerin zu bereden und war verschwunden, Deutsche fand ich auch keine mehr, um Marlene weiterzureichen, es waren heute nicht viele da…

Zum Glück ging Marlene irgendwann, um das Anmeldeprozedere zu erledigen. Ich schnappte meine Sachen und verzog mich zu einer Russin, deren Kind mit der Kleinen Schwimmunterricht hat. Marlene hatte zum Glück ein bisschen hin und her, bis sie die für die Anmeldung zuständige Dame fand und es dauerte. Als sie mich am neuen Platz ansteuerte, zog ich mir schnell die Jacke an und haute ab. Nochmal wollte ich mich nicht fremdschämen müssen!

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18 Gedanken zu “Manche Leute

  1. Ach Mist, aber so dämliche Weiber gibt es leider überall auf der Welt. Dämliche Mannsbilder gibt es natürlich auch. Und Fremd schämen mache ich im Moment im Büro. Wenn der neue komische Mitarbeiter so doofe Fragen stellt, an Sitzungen mit anderen Teams und dann fragt er so was doofes. Und alle gucken zwischen erstaunt, belustigt und empört. Und ich Schäme mich.

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    1. Naja, auf diesen Treffen sind alle ganz furchtbar nett miteinander. Gerade mit Neuen, man weiß ja, wie es ist, neu hier zu sein, gerade den Umzug hinter sich zu haben… und ich war noch nie der Typ für Konfrontationen. Nur bei der Maklerin, da war ich zickig! Und sie hat nicht aufgehört! Wenn ich merke, dass ich jemandem mit einem Smalltalk-Thema unangenehm bin, dann höre ich damit auf. Aber sie hat nicht aufgehört!

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  2. Uuuh, gruselig. Erinnert mich an die Freundin einer Freundin, die mit ähnlichem Et schwanger war und mich 3 Stunden mit Schwangerschaftsthemen zugetextet hat, obwohl ich immer versuchte das Thema zu wechseln. Keine Chance. Irgendwann habe ich sie entgeistert gefragt, ob sie kein anderes Thema mehr hat. Dann fand sie mich doof.

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  3. Accch herrrje…ich glaube ich hätte sie irgendwann in ihre Schranken gewiesen….es gibt tatsächlich Menschen die sich für das Beste an der Menschheit halten….also ich kann dann nur sehr schwer ruhig bleiben…hoffentlich kommt die so schnell nicht wieder…

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  4. Oh je, ich weiß nicht, ob ich das solange durchgehalten hätte mit Marlene… Sich in seiner Social Bubble zu bewegen, ist natürlich für viele das Einfachste… Mir wäre das zu langweilig! Als ich mal meinen Mann auf eine Tagung nach Utrecht begleitet habe, habe ich das leider bei den Amerikanerinnen feststellen müssen. Sie blieben nur unter sich, obwohl die Männer in Deutschland tätig waren, konnten sie nach 10 Jahren immer noch kein bisschen deutsch! Schade! Dabei ist es doch so spannend Land, Kultur, Leute und Sprache Stück für Stück zu erobern.

    Gruß
    Sylvi

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  5. Ja, den Umgang mit Amerikanerinnen finde ich auch manchmal schwierug. Alles ist immer „Great!“ und „Perfect!“ und sie finden dich total nett und beim nächsten Treffen wissen sie deinen Namen nicht mehr. Ich weiß, sie meinen es nicht bös und ist einfach nur ein kultureller Unterschied. Aber mit den anderen europäischen Nationen ist es für mich kulturell einfacher. Wobei hier die meisten Polnisch-Stunden nehmen. Allerdings sind Amerikaner es gerade im militärischen Umfeld oft gewöhnt, dass sie alles wie zuhause haben. Und ich weiß auch nicht, ob ich bei meinem dritten oder vierten Auslandsumzug das noch als positives Abenteuer sehen könnte… aber Marlene (uuh, ich habe ihren richtigen Namen schon vergessen!) war die erste Deutsche hier, mit der es mir so ging *immer noch kopfschüttel*

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