Wenn „morgen“ nur schon vorbei wäre

20.12.2018

Morgen hat der Ehemann Kontroll-MRT. Ich bin nervös. Wesentlich nervöser als er. Der Ehemann macht sich zwar Tage vorher schon verrückt über jede Blutabnahme, das Kontroll-MRT selbst lässt ihn aber völlig ruhig. Der Ehemann könnte noch nicht einmal die Tumorart benennen ohne in seine Unterlagen zu schauen. Das hat nix mit verminderter Gedächtnisleistung zu tun. Für ihn genügt „Hirntumor“. Alles andere müssen nur die Ärzte wissen.

Für mich reicht das nicht. Ich habe aber auch schon mehr gelesen als er. Ich lese von Rezidiven, die wohl häufig sind bei dieser Art Tumor. Ich lese davon, dass diese Rezidive häufig mit bösartigen Veränderungen einhergehen. Ja, ich kenne auch den Namen seines Tumors.

Von Strahlentherapie und Chemotherapie. Von weiteren Resektions-Operationen. Von Persönlichkeitsveränderungen. Immer wieder springt mich das Wort „häufig“ an. Der Tumor ist einer der häufigsten, die so auftreten. Das ist zum einen ein Vorteil, weil es viel Erfahrung bei Therapien und Ärzten gibt. Aber ich kann auch viel Wissen im Netz finden. Viel „häufig“ und ein häufiges „selten“ bei „nach einer OP ist alles gut“.

Mit dem Ehemann kann ich nicht darüber sprechen. Er möchte nicht. Er vertraut seinen Ärzten. Ich auch. Aber ich muss mehr wissen, damit ich das Gefühl habe, es zu verstehen. Ihm reicht das, was die Ärzte sagen und es ist für ihn in Ordnung, etwas mal nicht zu verstehen.

Ich habe ein wenig Angst vor Morgen. Um genau zu sein, merke ich gerade, wie sich mein Innerstes nach außen kehrt vor Angst. Dabei fand ich im Internet, dass häufig zu diesem Zeitpunkt noch nichts verändert ist. Also macht es gar keinen Sinn, sich jetzt zu sorgen.

Aber wegen den vielen „häufig“ weiß ich auch, dass noch lange nichts gut ist, auch wenn morgen alles gut ist. Es ist dann gerade nur nichts schlechter. Aber erst einmal reicht mir das auch. Weil es das „alles ist gut“ dann als Möglichkeit einschließt. Wenn „morgen“ nur schon vorbei wäre…

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9 Gedanken zu “Wenn „morgen“ nur schon vorbei wäre

  1. Içh drück die Daumen dass alles gut aussieht. Und egal was kommt, es gibt danach ein weiter. Wahrscheinlichkeit ist nur ein rumrechnen. Der Einzelfall ist immer ein Einzelfall. Wichtiger ist zu gucken, dass es Euch gut geht. Nicht von Ergebnissen beherrschen lassen. Es gibt neue Ansätze im Umgang mit Patienten mit schlechten Chancen, dass man die ihnen einfach nicht sagt. Denn wenn sie es wissen ist die Rate, dass der worst case eintrifft höher. Psychoneuroimmunologie. Die Vorsitzende meiner ehemaligen Selbsthilfegruppe hatte Lungenkrebs in einem Stadium, dass eigentlich nicht überlebt wird. Sie war dann halt so bisschen Pippi Langstrumpf mässig drauf und hat dann sehr viel auf sich geguckt und was ihr gut tut und blöde Statistiken hat sie einfach nicht gelesen. Als ich sie traf war der Krebs schon 12 Jahre her und sie war bis auf Wechseljahrsbeschwerden gut drauf und plante mit ihrem frisch verrenteten Mann irgendwelche Touren durch Norwegen.
    Der Ansatz deines Mannes scheint mir also ganz gut.
    Ich kann das ja nicht und wenn er das kann. Du liest ja genug für zwei 😂😂
    Macht Euch ein schönes Weihnachtsfest egal was kommt.

    Ich lese seit Jahren Krebsblogs und es gibt jede Menge Leute die alle nicht mehr leben dürften. Und es eint sie, dass sie eine positive Einstellung haben. Klar ist das keine Garantie. Aber dann hat man wenigstens seine evtl kürzere Lebenszeit nicht mit Sirgen machen verbracht (schreibt die Frau deren übertriebenes Sorgen machen sie schon bis in die Psychatrie geführt hat). Also ich bin Experte im Sorgen machen und ich hab es ausgetestet und ich kann dir sagen: icv lann es nicht weiter empfehlen.

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    1. Die zeitliche Prognose ist gar nicht so erschreckend. Die ist gut. Das ist mal der Vorteil von „häufig“. Es gibt diese Tumorart sehr häufig, weshalb es aber auch viel Thearpieerfahrung gibt.
      Ich lese auch viel, weil ich verstehen möchte, was mir die Ärzte sagen. Sie benutzen halt doch gerne mal den einen oder anderen Fachbegriff und ich finde es einfacher, wenn ich das Vokabular kenne. Ich finde es gut, dass der Ehemann seinen Ärzten vertraut und sich gut aufgehoben fühlt. Und ich sehe das auch so, dass sie kompetent sind und immer für uns ansprechbar sind.
      Ja, und manchmal denke ich auch, dann lese ich halt für uns zwei. Und ich spreche auch nicht mit ihm darüber, wenn er nicht möchte. Es ist mir völlig klar, dass seine Herangehensweise total in Ordnung ist. Aber ich kann das so nicht 😉.
      Liebe Grüße und Dir auch ein schönes Weihnachtsfest!

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  2. Hallo, ich wünsche dir/euch die Kraft der guten Gedanken und Gottes Segen für das was kommt! Es soll natürlich gut sein, aber eine Sicherheit gibt es nie im Leben. Ich kann dich sehr gut verstehen, dass du „mehr“ wissen musst, um gewappnet zu sein, wenn es nicht so läuft wie geplant! Ich wünsche euch nur das Allerbeste!! Meine guten Gedanken sind bei euch! Ingrid

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  3. Im Grunde macht dein Ehemann alles richtig, denn nützen tut einem das ganze Mehrwissen auch nicht. Und er ist empfänglicher für Fürsorge und Placebo-Effekte. Liebe Samy, ich wünsche dir, dass du auch etwas mehr loslassen kannst. (Ich weiß, leichter gesagt also getan…..ich wäre mehr wie du 😉 ).
    Ganz liebe Grüße

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