Familiennachzug

27.01.2019

Gerade liegen wir in einem Bett in einem Hotel direkt an der Autobahn auf halbem Weg zwischen unserem polnischen Zuhause und dem zwischenzeitlichen deutschen Zuhause.

Der Ehemann und ich waren mit der Kleinen in Polen und haben unser letzten Familienmitglieder eingesammelt.

NIEMAND WIRD ZURÜCKGELASSEN!!!

Kaninchen und Wüstenrennmäuse übernachten jetzt im Badezimmer des Hotels direkt an der Autobahn auf halbem Weg… ihr kennt das schon.

Ich schwitze ein bisschen. Nicht etwa, weil die Heizung so warm ist oder die Decke so dick… nein, wir machen das hier nämlich nicht so ganz korrekt. Die Dreibettzimmer waren belegt und mit einer Neunjährigen hätten wir zwei Zimmer nehmen müssen. Also habe ich sie als Dreijährige im Bett der Eltern eingebucht und wir schlafen in nur einem Doppelzimmer. Ich habe keine Ahnung, ob es das Hotelpersonal interessiert oder nicht, aber ich bin kein guter Schummler. Ich finde es sehr beruhigend nach Regeln zu spielen. Weshalb ich gerade ein bisschen beunruhigt schwitze…

Außerdem sind Haustiere hier nicht erlaubt. Ein Hoch auf die IKEA-Tüten, in die denen wir die Transportboxen ungesehen ins Zimmer bringen konnten. Das Kaninchen hoppelt jetzt frei im Minibad, die Rennmäuse müssen in der Dusche stehen, leider in den kleinen Transportboxen, aber die rennen wirklich so schnell… das ist mir zu Jauke, dass sie uns abhauen!

Ich habe das Bad mit IKEA-Teppichen ausgelegt und hoffe, dass wir das Kaninchenchaos morgen früh wieder beseitigt bekommen, damit wir hier wieder übernachten können. Das Hotel liegt nämlich so günstig auf halben Weg direkt an der Autobahn. Aber das wusstet ihr ja schon von oben.

Der Ehemann durfte ärztlicherseits mit mir reisen, aber wegen der Epilepsie-Gefahr nicht nachts (wegen der entgegenkommenden Lichter im Dunkeln) und überhaupt nur mit vielen Pausen. So viel gepaust haben wir jetzt nicht, aber mit der Übernachtung sind es wenigstens nur halb so viele Stunden am Stück wie ohne.

Und ich bin tatsächlich auch nicht böse, dass ich nicht 10 Stunden durchfahren brauche. Habe ich schon mehrmals, braucht man nicht öfter.

Der beste Freund des Ehemannes hat schon mit mir gemeckert. Er findet, dass der Ehemann mehr Ruhe braucht. Ich finde aber, der Ehemann muss ab und zu an seine Belastungsgrenze kommen (wirklich nur ab und zu und mit viel Erholung dazwischen) weil er es sich in der Wohlfühlzone sonst sehr gemütlich macht und es dann keine Fortschritte gibt. Damit im Gehirn was passiert, braucht es auch mal einen Reiz.

In den Tagen in Polen haben wir so viele Menschen getroffen, wie in drei Tage rein passen. Gequetscht rein passen. Ich habe so viele Menschen rein gedrückt, als wäre ich ein japanischer U-Bahn-Quetscher mit weißen Handschuhen.

Gestern war unser Haus so voll wie nie zuvor. Die internationalen Kollegen des Ehemannes stapelten sich in unserem Wohnzimmer samt ihrer Familien. Jeder brachte Essen mit bis zum Umfallen. Drei Paare waren da, die ich noch nie gesehen hatte. Das Familiending läuft jetzt ganz gut. Dafür möchte ich jemanden schlagen. Ganz feste! Irgendwo wo es weh tut!

Über zwei Jahre lang habe ich Treffen um Treffen angeboten. Manchmal saß ich dann alleine im Cafe, weil keiner abgesagt hatte und trotzdem keiner kam. Jetzt hatte der Ehemann den Hirntumor. Und alle sehen, dass wir vielleicht doch ein bisschen zusammen halten sollten, weil wir in einem anderen Land als unserem Heimatland doch aus heiterem Himmel aufeinander angewiesen sein könnten. Weil es vielleicht ihr Ehepartner sein könnte, der auf einmal Hilfe braucht.

Im März machen sie jetzt sogar ein Familienwochenende in der Tatra. Als gestern alle weg waren und ich mal alleine im Bad war, habe ich erst mal geheult. Blödmänner!

Der Ehemann ist durch nach dem Wochenende. Am Freitag war er mal kurz an seinem Arbeitsplatz, dann waren wir für ein paar Stunden an der internationalen Schule. Für das Treffen mit der Familie der allerliebsten Französin am Freitagabend klinkte er sich dann auch aus. Am Samstagabend sagte er den allerliebsten polnischen Nachbarn noch kurz „Hallo!“, dann ging er schnell ins Bett, während ich mit der Nachbarin eine Flasche Prosecco pischelte. Aber heute morgen gab es dort noch Frühstück, so dass er doch noch in den Genuss kam, die Nachbarn ausführlich zu treffen.

Ich bin stolz auf den Ehemann, dass er durchgehalten hat. Als wir am Samstag das Haus so voll hatten,dachte ich mal kurz, dass ich ihn aus dem Verkehr ziehen müsste. Er fing sich aber wieder und ich sorgte nur dafür, dass sein Wasser immer nachgefüllt wurde. Nach den Tagen sind wir jetzt alle durch und ich kann nur noch: „BADEWANNE!“ denken.

In diesem Sinne: „BADEWANNE!“

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11 Gedanken zu “Familiennachzug

  1. Mach dir nicht so viele Gedanken wegen Kind und Viecherkegel, das kriegt keiner mit. Und wenn doch, sagen die nix, ihr verlasst ja auch alles wieder abständig. Kannst doch eine 9jährige nicht allein dort schlafen lassen, fürchtet sie sich sonst! 🙋🏽‍♀️
    Gute Fahrt! 🌷

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  2. Hihi, wir hatten auch Kaninchen, kann mir lebhaft vorstellen, wie die durchs Bad flitzen. Hoffentlich kannst Du gut schlafen trotz Deiner „Schummeleien“.;-) Bei meinem Schwiegervater war es nach der Hirntumor-Diagnose übrigens genau anders, sonst war die Bude immer rappelvoll und dann gähnende Leere. Als ob es ansteckend wäre. Alles Blödmänner. Habt eine ruhige Nacht und eine entspannte Fahrt ins zwischenzeitliche Zuhause.

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  3. Erinnert mich an meine Katzen, die auf dem Weg nach Irland auch in ein Motel geschmuggelt wurden. Oder hör dir mal die Kelly Family Geschichten an, da haben die zwei ältesten Geschwister sich als Pärchen ausgegeben und ein Zimmer gebucht und dann die restliche Familie durch den Hintereingang rein gelassen 😉
    Dass sich dieses Familien Wochenende der Kollegen ärgert verstehe ich. Warum braucht es immer erst so einen Schicksalsschlag, damit die Menschen aufwachen?

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  4. Das sind jetzt mindestens 5 Geschichten in einer. Und ich schwanke zwischen Gekicher (die Karnickel), dem Nicken (ich hasse Schummeln, davon juckt mir die Kopfhaut) bis zum Weinen und Schlagen und sogar Badewanne passt gerade (anderer Mist, aber halt Mist).
    Ich ziehe meinen Hut (die Duschhaube) und drücke weiter ganz feste die Daumen, dass alles klappt, keiner die Schummelei merkt, du die Tiere ungesehen wieder rauskriegst und vor allem für die Gesundheit von euch allen. Jawoll!
    Lieben Gruß
    Ilka

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    1. Hat alles geklappt! Ein bisschen Streu blieb auf dem Teppich, aber ich hoffe, sie staubsaugen sowieso nach jedem Gast 😳. Ich bekam die kleinen Fizzel einfach nicht aufgesammelt… und Badewanne war super!

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  5. Kind und Kegel (in diesem Fall die Vierbeiner) – alles richtig gemacht, kein Grund zur Sorge und manchmal muss man einfach ein bisschen Anarcho sein. Wie stellen die sich das überhaupt vor – ein neunjähriges Kind alleine in einem Zimmer. Geht ja auch nicht. Also: alles gut! Insgesamt ein sehr emotionaler Beitrag. Ich schließe mich Ilkas Kommentar an, so geht es mir auch.
    Ich freue mich zu lesen, dass alles geklappt hat, nicht nur auf der Fahrt, sondern auch vor Ort. Alles Gute weiterhin für euch, Herzensgrüße von mir dazu
    Anni

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  6. Ich denke mal, dass ein Hotel davon ausgeht, dass gegebenenfalls einer der Erwachsenen zusammen mit dem Kind schläft.

    Gut, dass all das Schummeln geklappt hat!

    Was den Zustand deines Mannes angeht, wissen sicherlich die Ärzte am besten, was man ihm zumuten kann und was nicht. Ist doch toll, dass er das alles durchgestanden hat.

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    1. Ja, ich bin auch froh und erleichtert, wie das Wochenende lief. Und für den Ehemann war es zwar sehr anstrengend und wir brauchten alle ein bisschen, um uns davon zu erholen, aber tatsächlich habe ich das Gefühl, es geht jetzt wieder ein bisschen mehr beim Ehemann. Er zieht sich nicht mehr ganz so zurück.

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