Schon wieder Corona-Chroniken

08.11.2020

Im Moment muss man sich in meiner Umgebung öfter die Ohren zuhalten. Ich verfluche dieses Corona-Virus regelmäßig.

Es sind nicht viele Ohren da, um mein Fluchen zu hören, denn wir leben das social distancing so extensiv wie möglich. Behandlungstermine wie Physiotermine nehmen wir noch war und der Große geht neben der Schule noch in die Fahrschule.

Ich bin zu 100% im Homeoffice. Der Ehemann ist sowieso krank. Bis vorgestern ging die Kleine in die Schule, war am Freitag wegen einem Gefühl von Unwohlsein zuhause.

Da der Ehemann gerade im zweiten Zyklus der Chemo ist und seine Blutwerte im ersten Zyklus abstürzten, und in der Schule der Kinder erst ein Schüler im Oberstufengebäude und eine Lehrkraft, die das Unter- und Mittelstufengebäude betrifft, mit Corona bestätigt infiziert sind, bleibt die Kleine ab sofort zuhause.

Das Chemomittel des Ehemanns schädigt als recht häufige Nebenwirkung die Lunge neben der allgemeinen Wirkung auf das Immunsystem.

Der Große wäre problemlos im Haus zu isolieren, falls er Corona bekäme. Macht er ja jetzt schon außerhalb der Mahlzeiten. Und kuscheln zum Trösten käme gar nicht mehr für ihn in Frage. Bei Abwägung aller Faktoren (auch dass er aufs Abitur zusteuert) geht er weiter zur Schule.

Die Kleine ließe sich im Infektionsfall aber nicht isolieren. Sie bräuchte Trost. Und Kuscheln. Und Beruhigung.

Und ich kann mich nicht vom Ehemann isolieren. Der Betreuungsbedarf unter der Chemo ist zu hoch. Falls ich Corona bekäme, dürfte ich nicht mehr mit ins Krankenhaus, und der Ehemann kann das derzeit nicht alleine. Das Gedächtnis ist zu mitgenommen und die Aphasie zu stark.

Also selbst, wenn eine Corona-Infektion glimpflich verliefe, gäbe es eine Menge Komplikationen. Wie käme der Ehemann als Corona-Patient zu seinen Untersuchungen ins Krankenhaus? Taxi, Freunde, Bus fielen dann aus. Ich wäre in Quarantäne und dürfte ihn nicht fahren. Irgendwie gäbe es sicher eine Lösung für das Organisatorische. Aber er ist auch noch ein Patient mit hohem Risiko von Komplikationen. Also lieber das Risiko vermeiden.

Wir waren schon vor dem Lockdown nicht mehr auswärts Kaffee trinken, treffen keine Freunde mehr, wenn doch mal Besuch kommt, dann nur mit Maske ins Haus. Gilt auch für Schornsteinfeger, Handwerker und Co. Supermarkteinkäufe erledigen wir nur noch mit „Click and Collect“ wann immer es möglich ist. Die restlichen Einkäufe ordern wir online. Seit Donnerstagnachmittag habe ich nur mit dem Ehemann und den Kindern live gesprochen. Davor holten wir den „Click and Collect“-Einkauf im Supermarkt ab und ich konnte mit der Verkäuferin über Ersatz-Artikel plaudern. Woohoo, persönliche Ansprache! Mein Yoga ist in Zoom und die Kleine hat Online-Musikschule.

Gestern brachten wir nicht mehr benötigte Kinderzimmermöbel zur Lieblingsnichte. Winken mit Abstand und Maske, Möbel vor der Haustür abgestellt, wieder winken, Abfahrt. Im Privaten ist die Disziplin echt am schwersten. Und genau deshalb das ist Risiko dort auch am Größten.

Ich bin nicht glücklich damit, dass die Kleine ins Homeschooling wechselt. Jeder Schulstart nach einer Pause fällt ihr schwer. Sie wird ihre Freundin vermissen. Und machen wir uns nix vor, Lernen im Homeschooling ist sowohl für sie als auch für mich eine Belastung.

Keine Ahnung, wie das werden wird. Ob wir es schaffen werden, mit dem Schulstoff schritt zuhalten? Es ist auch wirklich schwer, für sich festzulegen, was notwendig und was Paranoia ist. Manche Kinder wurden schon vor Wochen aus der Schule genommen. Da erschien es mir bei Abwägung noch zu früh, weil unser Landkreis lange Zeit sehr niedrige Zahlen hatte. Aber auch hier steigen sie jetzt. Und die Schule ist der einzige Ort, an dem die Einschläge so nah kommen bisher.

Ich sehe gerade keine Alternative bis die Ansteckungsgeschwindigkeit und somit das Ansteckungsrisiko sich deutlich reduziert haben. Jetzt scheint es mir angemessen, in unserer Situation so zu reagieren.

Glaubt mir, ich habe vollstes Mitgefühl mit unseren Politikern. Ich muss nur das Wohl von vier Menschen in Betracht ziehen und es ist wirklich schwer, zu entscheiden.

Niemals und unter keinen Bedingungen dürfen wir verzweifeln. Zu hoffen und zu handeln, das ist unsere Pflicht im Unglück.

Boris Pasternack

7 Gedanken zu “Schon wieder Corona-Chroniken

  1. Es ist unheimlich grausam zusätzlich zu den Sorgen und Kümmernissen auch noch isoliert und auf sich allein gestellt zu sein! Aber (leider) nicht zu ändern, deshalb hilft nur weiter nach vorn zu schauen und alle Kraft und Energie in Gegenwart und Zukunft zu investieren, ich nehme dich dazu (in Gedanken) an die Hand! Liebe Grüße Ingrid

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  2. Euch hat es echt doppelt und dreifach getroffen 😥…ist echt nicht leicht, da immer die richtigen Entscheidungen zu treffen…aber ich finde Deine Herangehensweise sehr klug und überlegt….mehr geht nicht…Du machst das Klasse 🌼🌼👍🤗

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