Schritt für Schritt

18.02.2021

Wenn die Zeiten anstrengend sind, habe ich oft Bilder im Kopf, die mir symbolisieren, wo und wie ich gerade bin.

Nach dem Tod von Baby J. sah ich mich zum Beispiel auf einem Trümmerfeld sitzen. Kein Schutz um mich herum.

Nach und nach entstanden wieder Wände, Gebilde um mich herum. Es war einmal eine wunderbare lichtdurchflutete Konstruktion, die aber überhaupt nicht schützte. Später war es ein Bunker mit meterdicken Wänden, in den kaum Tageslicht fiel. Aber er war sicher. Und gemütlich.

Irgendwann, als es mir wieder besser ging, und ich dem Bild wieder nachspürte, war es einfach das Haus, in dem wir lebten. Danach verließ mich dieses Bild. Ich erinnere mich nur noch an die Eindrücke, die ich damals hatte.

Ich habe vor kurzem einen Text gelesen, in dem unser Leben mit einer Eisenbahnfahrt verglichen wurde. Menschen, die uns begrüßen, wenn wir in den Zug einsteigen. Menschen, die später dazu steigen. Menschen, die den Zug verlassen. Hier könnt ihr den Text lesen.

In dem Bild in meinem Kopf ist es keine Zugfahrt, sondern ein Weg, den ich zu Fuß beschreite. Ich sehe meine Füße, wie sie sich Schritt für Schritt weiter bewegen. Manchmal sehr mühsam. Manchmal wird der schwierigste Aufstieg mit dem schönsten Ausblick belohnt. Manchmal fallen wir tief. Menschen begleiten mich, manchmal tragen sie mich. Manchmal trage ich jemanden. Manchmal hält mir jemand ein Licht, wenn es gar zu dunkel ist. Manchmal wende ich mich auch von einem Begleiter ab und wähle einen anderen Weg, genau wie manche Begleiter ihren eigenen Weg wählen werden. Und manchmal begegnen wir uns an unerwarteten Orten wieder. Schritt für Schritt.

Ich bin froh, dass ich immer nur bis zur nächsten Wegbiegung schauen kann. Wenn ich von Anfang an den ganzen Weg gesehen hätte, hätte ich mich dann aufgemacht, Schritt für Schritt?

Gerade, wenn der Weg schwierig ist, macht es Mut, Fußspuren von anderen Menschen zu sehen, die diesen Weg schon mal gegangen sind. Fußspuren, die mir zeigen, dass es irgendwie immer weiter geht. Schritt für Schritt.

Und manchmal sterben Menschen auf dem Weg. Vielleicht lässt das einen Moment inne halten. Und doch geht mein Weg weiter. Schritt für Schritt.

Bis man sich aufmacht, das letzte Stück Weg zu beschreiten. Hoffentlich in Begleitung. Aber bis zum Ende wird der Weg es wert sein, gegangen zu werden. Schritt für Schritt.

6 Gedanken zu “Schritt für Schritt

  1. Oh ja, der Zug des Lebens begleitet mich auch schon lange! Es ist so gut, dass wir nicht wissen, wo unser Weg lang führt, welche „Unfälle“ es geben wird, welche „Entgleisungen“ wir bewältigen müssen und wo das Ziel sein wird! Der Mensch denkt und Gott lenkt, dabei hilft mir persönlich, dass ich nicht an einen strafenden sondern an einen liebenden Gott glaube. Ich denke an euch und wünsche euch weiterhin viel Kraft! Ingrid

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