Arbeitszeitliches

Aufgrund der Pflegebedürftigkeit des Ehemanns konnte ich meine Arbeitszeit etwas reduzieren. Nicht viel, nur eine halbe Stunde, aber dreißig Minuten bedeuten bei mir gerade ziemlich viel.

Außerdem müssen dann alle Teilzeit- und Telearbeitsvereinbarungen neu geschlossen werden. Das nutzte ich dann gleich dazu, alles ohne Festlegung von Kern- bzw. Präsenzarbeitszeit zu vereinbaren. In begründeten Fällen gibt es bei meinem Arbeitgeber die Möglichkeit dazu.

Seitens des Leiters meiner Organisationseinheit bin ich sicher, dass es kein Problem ist. Mein Teamleiter sagte mir allerdings heute am Telefon, dass er schon feste „Slots“ von mir benötige, an denen ich erreichbar sei. Ich antwortete, dass ich das im Moment nicht könne. Er könne ja etwas gegen meine Anträge schreiben. Und wenn er sehr gewichtige Gründe habe, würde das sicher von unserem Arbeitgeber abgelehnt werden. Natürlich weiß er, dass er keine gewichtigen Gründe hat. Ein „Ich will das so!“ wird von unserer Personalabteilung müde abgewunken, wenn sie es denn überhaupt zur Kenntnis nehmen sollten.

Er wisse nie, wann ich erreichbar sei. Nun, wir haben so ein firmeninternes Chatsystem. Viele Telearbeiter melden sich dort an. Er könnte das auch tun. Dann würde er an einem grünen Kästchen sehen, dass ich am Rechner arbeite, orange, dass ich zwar online bin, der Rechner aber gerade im Ruhe-Modus ist und ohne Zeichen davor ist der Rechner aus. Man kann auch noch „Besprechung“ und „bitte nicht stören“ anzeigen.

Das ganze ist freiwillig. Man muss sich nicht anmelden, aber es hat Vorteile, direkt zu erkennen, wer gerade im Chat oder am Telefon erreichbar ist und wer nicht.

Nein, das möchte er nicht. Er benutze schon WhatsApp und EMail, das müsse genügen. Sonst wird das zu viel. Okayyy, dann muss er halt gucken, wie er es macht.

Ich muss mich mittlerweile ganz arg zwingen, ihn täglich anzurufen. Außer dass er mir ewig erzählt, was er gerade machen muss, haben die Gespräche keinen Inhalt. Nach dem Ehemann und wie es so läuft fragt er nie. Aber ich solle ihn immer im „Loop“ halten. Außerdem soll ich mich mehr am „iterativen Prozeß“ in unserem Team beteiligen.

Würg – seine immer wieder verwendeten Worte machen das Zuhören (ind auch das Anrufen) für mich immer schwieriger.

Er hatte seinen Telearbeitsplatzantrag bereits im April 2020 genehmigt bekommen. Wegen Menschen wie mir (die also aus sozialen Gründen ganz schnell auf einmal einen Telearbeitsplatz benötigen und Genehmigung und Ausstattung innerhalb von zwei Monaten bekommen) konnte er noch nicht ausgestattet werden. Denn Kollegen, deren einziger Grund es ist, weniger fahren zu müssen, werden nur dann ausgestattet, wenn gerade kein priorisierter Fall (wie meiner) vorher auf der Liste steht. Und dann sind noch eine Menge Kollegen ohne Grund vor ihm auf der Liste.

Das ich ziemlich genau nur meine Stunden arbeite und ihm dann eben auch unvollendete Werke schicke, die in der Zeit nicht zu schaffen sind, schmeckt im nicht.

Der wöchentliche Pflegebedarf des Ehemanns liegt nach Schätzung des MDK im Gutachten übrigens bei 42 Wochenstunden. Okay, einen Teil davon habe ich an Hilfen übergeben. Also sagen wir 30 Wochenstunden fallen tatsächlich an (nach Maßstäben des MDK. Das bedeutet, dass nur „echte Arbeit am Patienten“ zählt. Der Papierkram mit der Pflegeversicherung und zur Organisation der Hilfen zum Beispiel zählt nicht.) Ich arbeite 20 Wochenstunden fürs Büro. Macht schon mal 50 Wochenstunden, in denen ich beschäftigt bin. Dann gibt es noch Kinder, Haushalt, Garten, Auto. Alles verlangt dann und wann Aufmerksamkeit. Klar ist das mein Privatvergnügen und nicht von meinem Arbeitgeber verursacht. Aber es gibt für mich zuhause keinen Teampartner mehr, mit dem man Hand in Hand arbeitet. Mein Teampartner ist pflegebedürftig. Er kann kaum laufen und sprechen, ist absolut unselbstständig, kann sich noch nicht einmal mehr aufsetzen ohne mich und weiß nicht mehr, wie man eine Zahnbürste benutzt.

Und das bedeutet, dass ich eben nicht mehr als die zwanzig Stunden arbeiten kann. Und diese auch nur mit Unterbrechungen und unplanbaren Zeiten.

Meine zwanzig Stunden liefere ich aber. Ich schreibe mir haarklein die Zeiten auf, wann ich am Rechner sitze und wann ich ihn verlasse.

Ich weiß auch, dass ich mich mit meiner Arbeitssituation „von und zu“ schreiben kann. Der Vorteil eines großen, mitunter sehr bürokratischen Unternehmens. Ist eine Regel gesetzt, dann kann sich ein Teamleiter wie meiner eben auf den Kopf stellen. Oder es gleich bleiben lassen.

Der Leiter meiner Organisationseinheit hat mehr Verständnis. Er sagte jetzt mal am Telefon: „Frau Bee, ich finde es bewundernswert, dass Sie in Ihrer Situation weiterarbeiten und sich nicht dauerkrank schreiben lassen aufgrund der psychischen Belastung – was ich auch verstehen würde. Mit allen Einschränkungen für uns: Sie machen das gut!“

Was er sagen würde, dass ich mich jeden Morgen, an dem ich den Telearbeitsrechner einschalte, mich frage, ob heute der Tag ist, an dem es nicht mehr geht und ich zum Arzt gehe?

6 Gedanken zu “Arbeitszeitliches

  1. Euer Weg war auf der Landkarte deines Lebens bestimmt nicht eingezeichnet, aber du bewältigst alle „Schlaglöcher“ und „Baustellen“! Ich weiß, dass die Ignoranz mancher Vorgesetzten und Kollegen alles doppelt schwer macht und wünsche dir deshalb ganz viel Kraft, Selbstbewusstsein und Einsicht zu gegebener Zeit, wann es besser ist, mehr an sich zu denken. Allee Liebe Ingrid

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